Sopruskond, - das heißt auf deutsch „der Kreis der Freundschaft“
Eine Partnerdelegation aus der Propstei Saarte, Estland, besuchte im Mai 2007 den Kirchenkreis Angeln
„Es ist hier bei euch wirklich so schön, wie mir meine Chormitglieder immer wieder mit Begeisterung erzählt haben!“ meinte Rita Naber, Musiklehrerin und Chorleiterin aus dem estnischen Kuressaare. Sie besuchte uns im Kirchenkreis Angeln mit vier Landsleuten aus der Partnerpropstei Saarte vom 9. bis 15. Mai 2007. Die Verbindung zwischen beiden Kirchenkreisen an der Ostsee, (für die Esten die Westsee) begann 1989. Anfänglich standen notwendige Hilfstransporte und finanzielle Beihilfen für dringliche Baumaßnahmen im Vordergrund. Ab 1994 entdeckten immer mehr jüngere und ältere Menschen aus Angeln ihre Liebe zu Saaremaa, der größten von den 1500 urtümlich-romantischen Inseln des jungen EU-Mitgliedes Estland. Besonders die Bläser mit ihrem Leiter Heinz Erfurt haben ca. alle zwei Jahre Fahrten unternommen und sogar aus eigenen finanziellen Mitteln ein Gemeindehaus renoviert. Gemeinsame Themencamps mit dem Kirchenkreisjugendwerk hier und dort schlossen sich ab 1995 an. Unvergeßlich sind die musikalischen Begegnungen mit dem Collecta-Frauenquartett und dem Jugendsymphonie Orchester Kuressaare, die bestätigten, dass Esten, „Musik in den Genen“ haben.
Mittlerweile hat sich aus der Patenschaft eine Partnerschaft entwickelt. Ihr Herz schlägt im gegenseitigen Geben und Nehmen. Die Offenheit, Frische und Überzeugungskraft der Mitglieder offiziellen Partnerschaftskomittees aus Saarte, Rene Reinsoo, Pastor der Gemeinde Kihelkonna, der berühmten Komponistin Ülle Reinsoo aus Lümanda, der Diakonin Triin Simson aus Kärdla, Insel Hiiumaa, der Jugendleiterin Tiina Ool und Rita Nabers, beide aus Kuressaare, beindruckten tief. Sie berichteten uns eindrücklich, wie die lutherische Kirche in Estland trotz großer aus der geschichtlichen Situation entstandener Vorbehalte gegenüber der christlichen Botschaft ein lebendiges Gemeindeleben aufbaut. Mit sehr eingeschränkten Mitteln und wenigen hauptamtlichen Mitarbeitenden stellen sich die Gemeinden den großen Herausforderungen in der estnischen Gesellschaft heute. Das geht nur mit riesigem persönlichen Einsatz und weil ganz klar ist, wofür man steht: Frieden, Gottes Liebe und Würdigung jedes einzelnen Menschen, gerechte, mitfühlende Gemeinschaft zwischen den Menschen und Versöhnung. Letztere bewegt die estnische Nation und ganz Europa zur Zeit leidenschaftlich. (Die Stellungnahme unserer Gäste zur aktuellen Situation um den Bronzesoldaten in Tallin beim Begegnungsabend in Sörup finden Sie im im Kasten.)
Im Mittelpunkt des Besuchs stand das Kennen lernen von Aktivitäten im Kirchenkreis Angeln und Begegnungen mit Estlandfreunden. Begleitet durch die unermüdliche Übersetzungs- arbeit der in Estland geborenen und in Angeln verheiratenen Aive Bruhn aus Nottfeld erhielten die Gäste Einblick ins vielfältige kirchliche Leben vor Ort. Dazu gehörten das Diakoniewerk in Kappeln, die offene Jugendarbeit in Steinbergkirche, der evangelische Kindergarten in Kieholm und die Pfadfindergruppe in Sterup. Mit Interesse nahmen die Esten Impulse auf und bekamen durch die engagierten Berichte der Verantwortlichen Anregungen für die eigene Arbeit. Auch die Begegnung mit Land, Geschichte und Kultur kam nicht zu kurz, denn auf dem Programm standen Besuche der rekonstruierten Thingstätte Gulde in der Gemeinde Stoltebüll, Rundgänge in Kappeln mit Herrn Müller und Maasholm mit Herrn Franzen und das wunderbare Nieharde-Konzert in Sterup. Weitere Schlaglichter der Visite bildeten ein freundlicher Empfang durch unseren Propst Gerhard Ulrich und ein Begegnungsabend mit Estlandfreunden in Sörup. Höhepunkt war zweifellos der Partnerschaftsgottesdienst in der St. Johanneskirche zu Toestrup unter Beteiligung der Bläser mit Heinz Erfurt und der eingänglichen Predigt von Pastor Reinsoo. Die Wiedersehensfreude mit alten Bekannten und neuen Freunden gab dem Zusammentreffen Glanz und Herzlichkeit. Die estnischen Lieder und die gemeinsamen Fürbitten führten in spirituelle Tiefe. Beim abschließenden Austausch zwischen den Partnerschaftsausschüssen stellten wir dankbar fest: Wir haben viel voneinander gelernt, die Beziehung befestigt und hoffungsvolle Pläne für das weitere Zusammenwirken verabredet. Wir freuen uns schon auf die Reise einer Delegation aus Angeln vom 23. Juli bis 1. August 2008 nach Saaremaa und Hiiumaa.
Susanne Thiesen, 17. Mai 2007
Die Stellungnahme unserer Gäste zur aktuellen Situation um den Bronzesoldaten in Tallin n mit - Aufruf zur Fürbitte (Begegnungsabend in Sörup am 11. Mai 2007)
„Das Denkmal im Stadtzentrum von Tallinn wurde in der sowjetischen Zeit wurde es als „Monument der Befreier vom Nationalsozialismus“ bezeichnet. Für die Esten war es aber ein Symbol der Verachtung der estnischen Unabhängigkeit.
Nach langen Gesprächen hat die estnische Regierung klären wollen, ob in unmittelbarer Nahe zum Denkmal Gefallene des II. Weltkriegs begraben worden sind. Die sterblichen Überreste sollten exhumiert und auf einem Militärfriedhof beigesetzt werden. Aufgeheizt durch Provokationen der russischen Regierung versammelten sich ca. 1000 russischsprachige Jugendliche, um dagegen zu demonstrieren. Dabei kam es zu Ausschreitungen im Tallinner Stadtzentrum, die die ganze Nacht andauerten. Es gab Zerstörungen. Geschäfte wurden überfallen und rassistisehe Parole gebrüllt. Es gab viele Verletzte. Leider haben sich einige estnische Jugendliche von den Provokationen mitreißen lassen.
Als die Lage sich zuspitzte, entsehied sich die estnische Regierung, den Bronzesoldaten zu entfernen, um ihn würdig auf einem Friedhof zu versetzen. Zudem wurde der Alkoholverkauf in Tallinn und Umgebung bis 3. Mai 07 verboten.
Esten halten es nicht für richtig, die im Krieg Gefallenen zu verachten. Aber es ist ebenfalls nicht richtig, die Besatzer zu heroisieren oder idealisieren und die russiseh-estnische Geschichte zu verfälschen. Die Estnisehe Republik wurde zuerst 1940 von der Sowjetunion annektiert und nach der deutschen Besatzung 1944 nochmals besetzt. Dies dauerte über fünfzig Jahre. In dieser Zeit sind ca. 10% der estnischen Bevölkerung gewaltsam - durch Deportationen, Verfolgungen und im Widerstand ums Leben gekommen.
Die estnischen Männer, die 1944 gekämpft haben, taten das nicht für Hitler oder den Nationalsozialismus, sondern für die estnische Freiheit. Im September 1944, als die Sowjets Tallinn besetzten, hatten sich die Deutschen bereits zurückgezogen. Die Unabhängigkeit Estlands war ausgerufen. Es ist eine Geschichtsfälschung, dass die Sowjets Tallinn von den Deutschen befreiten. Die Unruhen sind nicht beendet. Deshalb bitten wir sie, für uns zu beten und in ihren Gemeinden richtige Informationen über diesen aktuellen Teil estnischer Geschichte weiterzugeben. Wir sind dankbar für Ihre Fürbitten und Hilfe, in Namen des Herrn.“